Die alttestamentliche Peschitta ist ein über Generationen entstandenes Werk, dass eigenständig auf Grundlage eines hebräischen Textes, der älter als der uns heute vorliegende ist, wenn auch unter starkem Einfluss der Septuaginta, entstanden ist. Da das Syrische ein aramäischer Dialekt ist, gehen einige Forscher auch von einer Targumhypothese, d.h. der späteren schriftlichen Fixierung einer mündlichen Übersetzungstradition, analog zu den aramäischen Targumin aus.
Neues Testament
Die neutestamentliche Peschitta hat eine gänzlich andere Textgeschichte. Bis zum Anfang des 5. Jahrhunderts hatte im syrischen Raum allein das Diatessaron und eine Paulusbriefsammlung kanonische Geltung. Zwar gab es schon vor der Peschitta altsyrische NT-Übersetzungen, evangelion da-mephareshe (=Evangelium des Getrennten), die die vier Evangelien enthielten. Jedoch hatten diese keinerlei Bedeutung im kirchlichen Gebrauch. Mit der Eingliederung in die byzantinische Reichskirche, einem Prozess der sich vom Konzil von Nicäa bis zum Anfang des 5. Jhds. hinzog, wurde das Diatessaron durch eine neue Übersetzung die sich stärker am griechischen NT orientierte, eben die Peschitta, verdrängt.Einige Briefe (2. Petrus, 2. u. 3. Johannes, Judasbrief) und die Apokalypse blieben allerdings ausserhalb der Bibel. Bischof Rabulas (411-435) verschaffte der neutestamentlichen Peschitta alleinige Geltung indem er das Diatessaron verbrennen ließ. Lange Zeit galt er auch als Verfasser der Peschitta
Altsyrische NT-Übersetzungen
(Vetus Syra) sind die Übersetzungen der getrennten Evangelien, die neben dem Diatessaron vor der Peschitta existierten. Besonders zu nennen sind die Handschriftenausgaben von W. Cureton (Curetonianus, 1858) und Agnes Smith-Lewis (Sinaiticus, entdeckt 1892), die weitgehend den gleichen Text enthalten. Man geht davon aus, dass sie unter Einfluss des Diatessarons entstanden sind und eine "wissenschaftliche" Übersetzung darstellten.Wie spätere syrische Evangelienhandschriften (z. B. das Wolfenbüttler Tetrevangelium Syriacum) belegen, hat sich aus ihnen fließend der Evangelientext der Peschitta entwickelt.
Diatessaron
Eine Evangelienharmonie (lat. harmonia evangelica) versucht unter Berücksichtigung aller Daten über das Leben und Wirken Jesu, die in den vier Evangelien genannt werden, eine einheitliche Lebens- und Wirkungsgeschichte Jesu zu erzählen.Die bekannteste Evangelienharmonie der Antike - Diatessaron (d.h. "durch vier", "aus vier") verfasste um 170 Tatian. Sie war in syrischen Gemeinden als alleiniger Evangelientext gebräuchlich. Noch um die Mitte des 4. Jahrh. in Edessa hat man sie beim Gottesdienst benutzt. Später wurde sie als ketzerisch verdammt, so dass der Bischof Theodoret um 400 in seinem Sprengel alle Exemplare konfiszieren und vernichten ließ. So ging das "Diatessaron" verloren. Wir kennen seinen Inhalt allerdings zum überwiegenden Teil auf Syrisch aus einem vom Hl. Ephräm dazuverfassten Kommentar. Es hält sich an die Chronologie des Johannesevangeliums und begann mit dessen Anfangsworten. Das Diatessaron scheint mit dem Text der Evangelien relativ frei umgegangen zu sein, ist aber keine Paraphrase.Die Ursprungssprache des Diatessarons ist unklar. Zumeist wird angenommen, dass Tatian es nach der Heimkehr aus Rom nach Syrien dort und in syrisch abgefasst hat. Ein Fragment aus Dura Europos ist in griechischer Sprache erhalten, grammatikalische Abweichungen zum griechischen NT-Text lassen jedoch eine Rückübersetzung vermuten. Eine syrische Textausgabe existiert nur in einem neuzeitlichen Rekonstruktionsversuch auf der Grundlage von Ephräms Diatessaronkommentar.Dieses Diatessaron wurde mehrfach übersetzt: z.B. erschien es 544 in lateinischer, aber stark veränderter Ausgabe von Viktor von Capua. Diese wurde ihrerseits im 9. Jh. im Kloster Fulda ins Althochdeutsche übersetzt ("Althochdeutscher Tatian"). Das war die älteste deutsche Evangelienharmonie. Bedeutend sind auch eine arabische Übersetzung aus dem 9./10. Jhd. und eine mittelalterliche persische Übersetzung.Ein zweites Diatessaron bearbeitete Ammonius von Alexandria im 3. Jahrh. indem er das Evangelium nach Matthäus zu Grunde legte und auf die anderen Evangelien durch Randbemerkungen verwies. Es war in griechischer Sprache abgefasst.